Frauenbilder und Frauenleben heute

Am 10. März 2014 lud die Landesskoordinierungsstelle Frauen und Sucht NRW, BELLA DONNA, einen kleinen Kreis berufstätiger Frauen unterschiedlichen Alters, mit unterschiedlichen beruflichen Schwerpunkten und Lebensmodellen zur Diskussion „Frauenbilder und Frauenleben heute“ ein.

Vor dem Hintergrund, dass sich das Spektrum weiblicher Rollenbilder und weiblicher Geschlechtsidentität und damit auch die Möglichkeiten für Frauen, unterschiedliche Lebensentwürfe zu entwickeln und zu leben, in den letzten Jahrzehnten erweitert haben, diskutierten die Teilnehmerinnen, ob und inwiefern diese Entwicklung tatsächlich zu tiefgreifenden Veränderungen der tradierten Rollenbilder und -muster geführt hat:

Haben sich die Haltungen von Frauen zu Erwerbstätigkeit, Partnerschaft, Familie etc. verändert und können diese auch tatsächlich gelebt werden? Ist ein Wandel in den Rollenbildern über Generationen hinweg erkennbar und welche Rolle spielen hierfür subjektive Erfahrungen mit struktureller Benachteiligung? Welche Bedeutung hat die Familiengründung und die Vereinbarkeit von Beruf und Familie für weibliche Rollenbilder?

 

Die prozessorientierte Diskussionsveranstaltung ist darauf ausgerichtet, in weiteren Schritten Ansatzpunkte dafür zu liefern, welche Frauenbilder und Anforderungen an Frauenleben für Nutzerinnen des Suchthilfesystems beschrieben werden können; welche an der persönlichen Lebenssituation, den Bedarfen und Ressourcen dieser Frauen orientierte Ziele sich für die Arbeit mit ihnen formulieren lassen, welche Frauenbilder und -rollen, Definitionen von Weiblichkeit, Mütterlichkeit etc. in diesem Zusammenhang zu reflektieren sind und wie diese Reflektion in die soziale Arbeit eingebunden werden kann.

 

Die erste Diskussionsrunde machte einerseits deutlich, dass sich Frauen heutzutage zwar verschiedentlich von traditionellen Rollenbildern distanzieren, neue Rollenbilder aber gleichzeitig noch unklar seien und praktische Vorbilder fehlen, wie veränderte Frauenbilder gelebt werden können. Andererseits haben veränderte Rollenbilder nicht zur Auflösung des traditionellen Rollenverständnisses von Frauen als „gute Mutter“ und Hauptverantwortliche für Hausarbeit und Erziehungsaufgaben geführt. Vielmehr lasse sich ein Nebeneinander dieser konkurrierender Rollenbilder feststellen: Frauen sind mit der gesellschaftlichen Anforderung konfrontiert, beruflich erfolgreich und eine gute Mutter zu sein. Das veränderte Bild im Berufsleben gehe jedoch nicht mit einem verändert Bild in der Care-Arbeit einher, die nach wie vor von Frauen geleistet wird. Gleichzeitig sind die Definitionen einer „guten“ Mutter häufig nicht konform mit einer erfolgreichen Berufstätigkeit – die Erwartungen an Frauen, in welchem Umfang Familien-, Kinderbetreuungs- und Erwerbstätigkeit geleistet werden, sind gleichermaßen diffus wie ideologisch besetzt.

 

Große Skepsis wurde in Bezug auf die Vereinbarkeit von Beruf und Familie von den Teilnehmerinnen formuliert – mit der Familiengründung scheint häufig ein „Zurückfallen“ in tradierte Rollenmuster verknüpft zu sein. Kritisch gesehen wurde darüber hinaus, dass Individualisierung und Autonomisierung dazu beigetragen haben, dass strukturelle Benachteiligung als individuelles Versagen gewertet werde. Gerade junge Frauen hätten das Gefühl, gleichgestellt und gleichberechtigt zu sein, so dass sich jede selbst für Erfolg (und Misserfolg) und die Durchsetzung ihrer Rechte in Beruf und Partnerschaft sowie insgesamt im Umgang der Geschlechter miteinander verantwortlich sehe. In diesem Zusammenhang wurde vermutet, dass dieses Selbstverständnis darauf beruhe, dass sich junge Frauen an einem Punkt in ihrer Biographie befinden, an dem sie noch keine konkrete Benachteiligung aufgrund ihres Geschlechts erfahren haben, es möglicherweise aber gerade diese Erfahrungen der Ungleichbehandlung braucht, um dem Thema Gleichstellung subjektiv Gewicht verleihen zu können.

 

Für eine weitere Diskussionsrunde ist geplant, die in unterschiedlichen Generationen und Milieus bestehenden Geschlechtsidentitäten und Rollenmuster – und damit verknüpft die unterschiedlichen Aushandlungen zwischen traditionellen und neuen Rollenbildern und die unterschiedliche Umsetzung des Rollenwandels in Bezug auf Gleichstellung und Geschlechtergerechtigkeit – stärker einzubeziehen und einen möglichst heterogenen Kreis an Teilnehmerinnen zu gewinnen. Basierend auf dem Wissen, dass persönliche und soziale Lebenswelten bei der Auseinandersetzung mit dem Thema „Frauenleben“ bedeutsam sind, sollen im weiteren Verlauf auch Erkenntnisse darüber gewonnen werden, welche Anforderungen und Ziele für ein Frauenleben sich für die Arbeit mit Klientinnen des Suchthilfesystems formulieren lassen.